Lehrstuhl für Komparatistik
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Materialismus

19. Workshop des Instituts für Allgemeine und Vergleichende Literaturwissenschaft

09.02.2018 um 14:00 Uhr

Freitag, 09. Februar 2018
14.00 bis 19.30 Uhr
Schellingstr.3, RG, Raum R U104B

Programm

14:00
Lars Bullmann: Spielräume des Materialismus (Einführung)

14:15
Annette Keck: Fadenscheinige Machwerke. Zur Kunst des Wartens

15:15
Sulgi Lie: Pantomimesis. Adornos Chaplin

16:45
Friedrich Balke: Was ist niederer Materialismus? Auerbach mit Marx

17:45
Fabienne Imlinger: Skalpell, Samen, Arsen. Anatomie als Grammatologie

19:00
Abschlussdiskussion

Alle Interessierten sind herzlich eingeladen.

Einführung

„[…] Idealismus ist der rein in sich fortlaufende, der auch in seinen Negationen noch ungestörte Zusammenhang; Materialismus aber ist Unterbrechung.“ - so Ernst Bloch in seinem Buch Subjekt-Objekt. Erläuterungen zu Hegel. Folgt man Bloch, so lässt sich die entscheidende Geste eines materialistischen Denkens, Schreibens und Handelns im Bruch mit hegemonialen Denk- und Lebensformen verorten, die durch die Dominanz der (begrifflichen) Form gegenüber dem Stoff, der Transzendenz gegenüber der Immanenz, des Geistes gegenüber dem Körper, des Sinns gegenüber dem Unsinn produziert werden. Als Materialist kann dann derjenige gelten, der diese Verhältnisse nicht einfach nur umkehrt, sondern sie im Ausgang von und im Hinblick auf widerständige Materialitäten anders artikuliert, ohne sich dabei von harmonisierenden Phantasmen gängeln zu lassen. In diesem Sinne wäre etwa noch Marx‘ historisch-materialistisches Diktum, demzufolge das (gesellschaftliche) Sein das Bewusstsein bestimme, weniger als abschließende Auskunft, dagegen eher und vor allem als Eröffnung eines neuen diskursiven Terrains zu verstehen. Anders gesagt: etwas vom Kopf auf die Füße zu stellen, ist nur scheinbar eine einfache Umkehrung. Zumal innerhalb des materialistischen Denkens verschiedene Programme existieren, die es zu unterscheiden gilt. So gibt es mechanische, historisch-dialektische, aleatorische, semiotische Spielarten des Materialismus.
Materialistische Perspektiven lassen sich nicht zuletzt für die Beschreibung literarischer Prozesse fruchtbar machen. Aus guten Gründen etwa nennt Terry Eagleton in seinem Buch How to Read a Poem jene Fetischisten der Sprache, die man gemeinhin unter dem ehrwürdigen Namen ‚Dichter‘ führt, „materialists of language“, und sieht in deren Sprachmanövern einen - wie immer schwachen - kulturrevolutionären Gestus am Werk, der nicht nur den ‚Stein steinern‘, sondern darüber hinaus die Sprache sprachlich machen will. In Sachen materialistischer Analyse treten so neben ‚klassisch‘ marxistische Theorie-Angebote, die von jeher literarische Texte auf deren ‚sozioökonomische‘ Determinationen und Implikationen hin befragt haben, formalistische, strukturalistische und hyperstrukturalistische Textanalysen, welche die sogenannte ‚Materialität des Signifikanten‘ gegen menschlich, allzumenschliche Sinn-Seligkeiten in Stellung bringen - die vielen Buchstaben sollen hier dem einen Geist, mag er sich auch dialektisch-materialistisch nennen, regelmäßig in die Parade fahren, um diesen auf glückliche Abwege und schiefe Bahnen zu bringen.
Konfliktlinien und Problemlagen genug also, um sich die Frage „Was heißt Materialismus?“ immer wieder vorzulegen - gerade auch in der Jetztzeit eines ‚Marx-Jahres‘. Der Workshop tut dies am Leitfaden konkreter Analysen einiger konkreter Diskurs-Situationen. Es wird dabei um fadenscheinige Machwerke im Modus ihres materiellen Verschwindens gehen, um materialistische Sach- und Erfahrungsgehalte eines literaturwissenschaftlichen ‚Klassikers‘, mimetische Beziehungen zwischen Kino und Kritischer Theorie sowie um Verfahren zur Herstellung von (Text-)Körpern.

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