Lehrstuhl für Komparatistik
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Verweilen beim Negativen. Pandemie & Philologie

Einladung zum 25. Workshop des Instituts für Allgemeine und Vergleichende Literaturwissenschaft

16.07.2021 14:00 Uhr – 18:00 Uhr

Freitag, 16. Juli 2021, 14-18 Uhr (Zoom-Veranstaltung)

Teilnahme unter folgendem Link zum Zoom-Meeting:
https://lmu-munich.zoom.us/j/92096471089?pwd=amNWb0I3Z2E3R1UxVUROd0tzdzJkdz09

Programm

BeiträgerInnen sind Lars Bullmann, Juliane Prade-Weiss, Sebastian Schuller, Wolfram Ette und Anne Peiter

Seit dem letzten Jahr hat die Corona-Pandemie die Gesellschaften global im Griff. Politik, Ökonomie, Recht, Wissenschaft, Medizin und Alltagsleben suchen seitdem immunisierende Antworten auf ein tödliches Virus, das eine „zackige Demarkationslinie“ (Walter Benjamin) zwischen Vergangenheit und Gegenwart eingräbt. Die mit dieser Suche einhergehende Transformation eingespielter Lebens- und Verkehrsformen verdichtet sich auf der sprachlichen Oberfläche in signifikanten Ausdrücken, die den ‚epidemiologischen Bruch‘ der aktuellen Situation symptomatisch ausbuchstabieren: Lockdown, social distancing oder distant learning.


Diese prominenten Beispiele aus dem Wörterbuch der Pandemie mögen anzeigen, dass die Corona-Situation nicht zuletzt an eine philologische Problematik rührt. Als philologische Frage wirft die pandemische Sache Fragen nach dem Wort und den Wörtern auf – Fragen zur Benennbarkeit, Darstellbarkeit, Lesbarkeit einer Welt, die ihre überlieferte Fassung verloren hat. Die diskursiven wie nicht-diskursiven Interventionen staatlicher und medizinischer Instanzen begleitet so von Beginn an nicht zufällig die Hinwendung zu literarischen Texten als einem zusätzlichen cordon sanitaire. Die Lektüre der Seuchendarstellungen in u.a. Lukrez‘ De rerum natura, Boccaccios Il Decamerone, Shelleys The Last Man oder Camus‘ La peste zielte und zielt auf ein „cognitive mapping“ (Fredric Jameson) der Gegenwart; wie auch die aktualisierende Rezeption von Orwells 1984 auf Seiten derjenigen, für die in der Hölle des ‚cognitive napping‘ immer nur die anderen auf ewig schlummern und schmoren. Flankiert sieht sich diese literarisch-philologische Passion von einer unüberschaubaren Reihe von Büchern, Aufsätzen, Blogs und Journalen, in denen man sich um treffende Kommentare zur Corona-Situation bemüht.


Unter dem hegelianischen Losungswort „Verweilen beim Negativen“ versammelt der Workshop einige zentrale Aspekte des Verhältnisses von Pandemie & Philologie. Den Texturen, Frakturen und Lesarten der Jetztzeit gehen die Beiträge nach, indem sie die Sprachen der Angst, der Trauer, der Verschwörung und der Krise thematisieren – Bruchstücke einer Philologie des pandemischen Geistes.